Wie jedes Jahr richtet sich der Blick im Juli nach Frankreich. Der Mythos Tour de France fesselt 2019 bereits zum 106. Mal die Radsport-Welt. Sieben Mal, von 2004 bis 2010, war auch Fabian Wegmann bei der Tour de France dabei.

Heute, als Ex-Profi, begleitet der Münsteraner das größte Radsport-Rennen der Welt. Allerdings nicht von der Couch aus, sondern als Co-Kommentator bei den Übertragungen der ARD. Eine neue Perspektive nach 15 Profi-Jahren, mit neuen Herausforderungen. Wir haben Fabian Wegmann 11 Fragen zur Tour de France, ihrem Mythos und der Strecke 2019 gestellt.

Keller Sports: Sieben Mal warst du selbst beim weltweit größten jährlich wiederkehrenden Sportereignis, der Tour de France, dabei. Auch wenn deine letzte Tour-Teilnahme nun schon mehrere Jahre her ist. Welches Ereignis der Tour de France blieb dir ganz besonders in Erinnerung?

Fabian Wegmann: Ohh, da gibt es natürlich einige. Im Positiven wie auch im Negativen. Einer der schönsten Momente war aber sicherlich damals meine Solofahrt aus dem Elsas mit dem Ziel in Karlsruhe über die französisch-deutsche Grenze. Ich konnte mir damals zwar nicht die Etappe holen aber das Bergtrikot. Am nächsten Tag konnte ich dann vor heimischem Publikum in Pforzheim mit dem Trikot starten.

Es waren unzählige Menschen am Streckenrand, das war schon ein sehr schönes Erlebnis. Aber auch die Einfahrt nach Paris war immer ein unglaublich schöner Moment. Wenn du es nach 3500km leiden endlich geschafft hast und dann von 100.000 Menschen auf den Champs Élysées einfährst... Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.

Keller Sports: Der Blick richtet sich natürlich immer auf die Favoriten. Nach den Ausfällen von Chris Froome und Tom Dumoulin sind das 2019 vor allem Geraint Thomas, Egan Bernal und Nairo Quintana. Was war deine Rolle innerhalb des Teams bei deinen Frankreich-Rundfahrten?

Fabian Wegmann: Ich hatte in den Teams oft eine offene Rolle. Als Allrounder habe ich die Sprints vorbereitet, konnte meinen Kapitänen, die auf das Gesamtklassement fuhren, in den Bergen helfen. Ich durfte aber auch oft auf mich selber schauen und mein Glück in einer Fluchtgruppe suchen.

Keller Sports: Wie erlebt man als Fahrer das Rennen der Tour de France? Zwischen Team-Hotels, Strecken-Besprechungen, Interviews und den wunderschönen Gegenden, die man immer wieder durchfährt?

Fabian Wegmann: Sehr, sehr hektisch. Man ist von morgens bis abends unterwegs. Zu den fünf bis sechs Stunden die man täglich im Sattel sitzt, kommen auch noch etliche im Auto oder Bus hinzu. Oft habe ich abends mit meiner Frau telefoniert. Wenn sie mich dann gefragt hat, in welcher Stadt ich an diesem Tage schlafe, konnte ich ihr das oft nicht mal beantworten.

Man ist eigentlich nur damit beschäftigt, Rad zu fahren und sich möglichst gut zu erholen. Natürlich hat man auch vieles gesehen und mitgenommen. Aber für mich war gerade die letzte Woche der Tour de France immer besonders hart. Da ist schon vieles an mir vorbeigeflogen. Aber wenn man einen guten Tag und eine gute Gruppe erwischt hat, dann konnte man es schon auch richtig genießen. Tour de France im Juli 2019 Team Sky Fahrer Trikots während einer Etappe 2018 Keller Sports: Was macht die Tour de France zum "Mythos", einem Begriff der mit dem Event fest verbunden scheint?

Fabian Wegmann: Es sind einfach diese Geschichten, die das Rennen immer und immer wieder neu schreibt. Jedes Jahr bereiten sich alle Favoriten akribisch auf die Tour vor und am Ende gewinnt halt immer nur einer. Und Schwächephasen, Defekte oder Stürze im Laufe der Rundfahrt können einfach jeden erwischen.

Außerdem ist es die reine Größe dieses Events. Wer einmal die Möglichkeit hat, sich eine Etappe der Tour de France anzuschauen, der sollte das unbedingt machen. Es ist einfach eine wahnsinnig große Veranstalltung mit unglaublich vielen Zuschauern entlang der Strecke in freier Natur.

Keller Sports: Jedes Jahr wieder werden natürlich auch die großen Siege und Rivalitäten herausgekramt. Lässt sich die Vergangenheit mit der Gegenwart der Tour vergleichen?

Fabian Wegmann: Dieses Jahr ist es ein wenig anders. Dadurch, dass Chris Froome und Tom Dumoulin nicht am Start stehen, kommt es nicht zum goßen Duell zwischen den beiden. Und leider auch nicht zum teaminternen Duell zwischen Froome und Geraint Thomas, dem Sieger 2018.

Mit den ehemaligen Grand-Tour-Siegern Vincenzo Nibali, Fabio Aru, Nairo Quintana und Alejandro Valverde gibt es allerdings auch 2019 vier große Fahrer, die durchaus wissen, wie man auf der Tour de France gewinnen kann.

Keller Sports: Einen Großteil zum Mythos trägt natürlich die Stimmung entlang der Strecke bei. Man kennt das Bild der Camper bei Bergetappen oder der Fans in den kleinen französischen Dörfern. Wie hast du die Stimmung des Rennens im Gedächtnis?

Fabian Wegmann: Es ist schon jedes Jahr großartig, was die Fans sich einfallen lassen. Es hat ein wenig was von Karneval. Als Fahrer habe ich das nicht ganz so wahrgenommen wie jetzt als Co-Kommentator. Früher musste ich mich voll und ganz aufs Rennen und jede Etappe konzentrieren.

Da habe ich immer versucht, mich nicht groß ablenken zu lassen. Aber so etwas wie im Grupetto nach L’Alpe D’Huez hochzufahren, sowas bleibt einem natürlich schon in Erinnerung. Tour de France Juli 2019 Radsport Rennen mit mehreren Etappen nach Paris Keller Sports: In deiner neuen Position bei der Tour, als Co-Kommentator bei der ARD, lässt sich die Stimmung sicher etwas besser genießen, oder?

Fabian Wegmann: Heute ist das natürlich etwas anderes. Ich fahre die Strecke morgens mit dem Auto oder dem Fahrrad ab und kann mir in Ruhe das Spektakel anschauen. Oft halte ich auch mal an, und rede eine wenig mit den Fans. Die campen dann schon ein, zwei Tage vorher am Berg, um sich die besten Plätze zu sichern. Das ist schon unglaublich was man da für begeisterte Menschen am Rand der Strecke trifft. Das macht viel Spaß!

Keller Sports: Wie bist du zu deinem aktuellen Engagement gekommen? Oder war für dich nach 2016 bereits klar, dass es in diese Richtung geht?

Fabian Wegmann: Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu den Medien. Mir hat es immer Spaß gemacht Interviews zu geben, auch wenn die Fragen mal nicht so angenehm waren. Ich habe es immer als Teil meines Jobs gesehen. Als ich dann Ende 2016 mit dem Radsport aufgehört habe, musste ich mich natürlich neu orientieren.

Da habe ich zunächst bei Eurosport angefragt und die gaben mir die Chance es mal auszuprobieren. Es hat auf Anhieb gut funktioniert und mir viel Spaß gemacht. Danach kam dann auch noch die ARD dazu. Und ich freue mich dieses Jahr schon wieder ungemein mit dem Team loszufahren.

Keller Sports: Die letzten Jahre hat vor allem ein Team dominiert, Sky – heute Team Ineos. Immerhin gab es 2018 nach Chris Froome mal wieder einen anderen Sieger. Aber das Team Sky war einfach wieder zu stark für die Konkurrenz. Erwartest du das auch 2019? Wer von den vorher genannten Favoriten hat deiner Meinung nach die größten Chancen?

Fabian Wegmann: Nach jetzigem Stand, ganz klar Egan Bernal. Er hat zwar mit Thomas den letztjährigen Sieger im Team. Aber so wie er in der bisherigen Saison gefahren ist, geht der Sieg 2019 nur über ihn. Das Team Ineos ist dieses Jahr ähnlich gut aufgestellt. Wie im letzten Jahr haben sie mit Bernal, Thomas, Wout Poels und dem ehemaligen Weltmeister Michal Kwiatkowski definitiv das stärkste Team am Start. Tour de France Juli 2019 Fahrer von Team Sky mit Zuschauer entlang der Strecke Keller Sports: Welche Etappe oder Etappen werden die Entscheidung bringen? Was hebt die Tour de France 2019 von den Vorjahren ab?

Fabian Wegmann: Die letzten drei Etappen in den Alpen werden wohl entscheidend sein. Sie sind super schwer und es geht einige Male über Berge die weit mehr als 2000 Meter hoch sind. Das ist schon etwas Besonderes. Das wird vor allem den Kolumbianern Bernal, Quintana und Uran in die Karten spielen. Aber auch zuvor gibt es noch die super schweren Etappen in den Pyrenäen mit der Bergankunft am Col du Tourmalet.

Oder auch die hammerharte Etappe in den Vogesen hinauf nach La Planche des Belles Filles. Im Gegensatz zum letzten Jahr steht gleich bei der zweiten Etappe ein Mannschaftszeitfahren an. Da werden wir also schon sehr früh sehen, welche Mannschaft die stärkste ist und ob es da schon einen großen Kräfteunterschied zwischen den Teams gibt.

Keller Sports: Wie jedes Jahr endet die Tour in Paris, Pflastersteine und der erwartete Massensprint. Wie hast du Paris bisher erlebt?

Fabian Wegmann: Die fünf Mal, die ich es bis Paris geschafft habe werden mir für immer und ewig in Erinnerung bleiben. Als ich es zum ersten Mal geschafft habe, die enorme Anzahl von Zuschauern gesehen habe und dann zum Schluß auch noch meine Familie in die Arme nehmen konnte... da ist mir schon eine Träne über die Wange gelaufen. Da fällt dann der ganze Stress, die Anspannung und körperliche Anstrengung auf einmal von dir ab. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Ex Radsport Profi Fabian Wegmann über die Tour de France im Juli 2019 Fabian Wegmann war 15 Jahre lang Rad-Profi. Ende 2016 hat der Münsteraner seine Radschuhe an den Nagel gehängt und kann auf eine durchaus erfolgreiche Karriere zurückblicken. Als erster Deutscher überhaupt gewann Wegmann 2004 das grüne Trikot des besten Bergfahrers beim Giro d’Italia.

Drei Deutsche Meistertitel, zahlreiche Siege bei großen Etappenrennen und nicht zuletzt seine 150 Kilometer lange Soloflucht bei der siebten Etappe der Tour de France 2007 Richtung Karlsruhe machen ihn zu einem der bekanntesten deutschen Radfahrer.

Heute kommentiert er für ARD und Eurosport die größten Rennen des Jahres und begleitet als Sportlicher Leiter Rennen wie Eschborn-Frankfurt, die Deutschland-Tour sowie den Sparkassen Münsterland-Giro in seiner Heimatstadt.